‘Meine Zeit bei Losberger hat meine Karriere nachhaltig beeinflusst‘

Bautechnikhistoriker und Lehrbeauftragter Karl-Eugen Kurrer

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K-E Kurrer

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Karl-Eugen Kurrer ist einer von Deutschlands führenden Historikern der Bautechnik. Kurrer, der 1952 in Heilbronn geboren wurde, veröffentlichte diverse Fachbücher und war Chefredakteur der Bauingenieurzeitschrift ‚Stahlbau‘. Heute ist er Lehrbeauftragter für den Masterstudiengang im Bauingenieurwesen an der Hochschule Coburg. Karl-Eugen Kurrers Karriere startete als Werksstudent und Mitarbeiter bei der Losberger GmbH, einem Unternehmen der heutigen Losberger De Boer Gruppe. Die Zeit, die er im Unternehmen verbracht hat, hat ihn maßgeblich beeinflusst, wie er heute sagt: „Ich habe damals viel gelernt. Die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe, waren sehr wichtig für meine weitere berufliche Entwicklung.“


Karl-Eugen Kurrer hat an der ehemaligen Staatsbauschule Stuttgart, der heutigen Hochschule für Technik Stuttgart, studiert. Zwischen 1971 und 1973 arbeitete er in den Sommer- und Semesterferien als Werksstudent im Konstruktionsbüro für den Hallenbau bei der damaligen Losberger GmbH. Nach seinem Abschluss kehrte er ins Unternehmen zurück, wo er als Bauingenieur arbeitete. Karl-Eugen Kurrer hat gute Erinnerungen an diese Zeit. „Ja, ich habe damals viel Positives erlebt. In nur wenigen Monaten lernte ich sehr viel, als Ingenieur und als Mensch. Im Grunde genommen habe ich hier mein praktisches Rüstzeug mitbekommen.”

In der Hans-Rießer-Straße 7 arbeitete er unter der Leitung von Herrn Spindler, der sich als hervorragender Mentor für den talentierten und ehrgeizigen Karl-Eugen Kurrer erwies. „Ich habe so viel von ihm gelernt. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht als Werksstudent in seinem Team zu arbeiten, gerade weil sie mich nie als solchen behandelt haben. Nun bin ich selbst Lehrbeauftragter und profitiere von dem, was ich bei Herrn Spindler gelernt habe. Er war ein ausgezeichneter Mentor und gewährte mir viele Freiräume.“

Ein guter Start ins Berufsleben
Der Ansatz von Herrn Spindler und seinem Team schien genau das zu sein, was der junge Kurrer zu dieser Zeit brauchte. „Dies war mein erster Job, ich arbeitete erstmals in einem Team mit anderen Ingenieuren. Sie haben mich freundlich aufgenommen und gaben mir jede Hilfe, die ich benötigte. Dennoch hatte ich genügend Möglichkeiten, zu meinen eigenen Erkenntnissen zu gelangen. Und sie vertrauten mir auch damals schon größere Projekte an“.

"Wie groß? „Nun, ich begann 1971 an der Aussegnungshalle Frankenbach zu arbeiten. Diese Halle war sehr kompliziert. Eigentlich war sie sogar so komplex, dass niemand freiwillig das Projekt bearbeiten wollte: So fiel die Wahl auf mich, den 19jährigen Werkstudenten.“ Aber mit der Unterstützung seiner Kollegen und seines Mentors gelang es Karl-Eugen Kurrer die Zeichnungen für die Hallenkonstruktion fertigzustellen. „Der Ober- und Untergurt der Träger war im Längsprofil so gekrümmt, dass sämtliche rechteckige Querschnitte unterschiedlich ausfielen und die benachbarten Träger - nach Wunsch des Architekten - am oberen Auflager höhenmäßig zu versetzen waren und jeder Träger am anderen Ende diesselbe Höhe besitzen musste. Dies führte zu räumlich gekrümmten Oberflächen zwischen den sheddachförmig ausgebildeten Feldern, in denen z.B. die Windverbände mit ihren Knotenpunkten angeordnet werden mussten. Die Überführung des skizzenhaften architektonischen Entwurfs in eine baubare Geometrie war aufgrund der wenigen vorgegebenen geometrischen Randbedingungen eine Herausforderung und schulte mein Verständnis des Verhältnisses von Konstruktion und Form ungemein. Aber ich liebte solche Herausforderungen und sowohl meine Kollegen, als auch Herr Spindler standen hinter mir und unterstützten mich, wo sie nur konnten. Noch heute habe ich einige der Projektdokumente von damals.“

Ein weiteres großes Projekt, an dem Karl-Eugen Kurrer arbeitete, war die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe. „Dieses Projekt war ebenfalls sehr anspruchsvoll. Denn es handelte sich hier um eine vieleckige Hallenstruktur mit ganz verschiedenen Oberflächen. Stabilität war eines der wichtigsten Kriterien dabei.“ Aufgrund der herausfordernden Aufgaben und dem entgegengebrachten Vertrauen seines Mentors konnte Karl-Eugen Kurrer sich als Ingenieur enorm entwickeln. „Wissen Sie, eigentlich sollte ich erstmal nur Berechnungen anstellen. Aber schnell durfte ich weitaus mehr Aufgaben übernehmen: von der Planung bis hin zum Design, von den ersten Berechnungen bis zum allerletzten Nagel bekam ich die Freiheit, mich wirklich auszuprobieren. Herr Spindler und das gesamte Team unterstützten mich während der Projekte. Sie waren unentwegt auf der Suche nach der besten Lösung für die Herausforderungen, denen wir uns stellen mussten. Während meiner gesamten Karriere habe ich versucht diese Mentalität beizubehalten.“ Bei beiden Projekten handelte es sich um Leimholzkonstruktionen, eine Bautechnik, die Losberger De Boer zu dieser Zeit verwendete, die jedoch seit einiger Zeit nicht mehr angewandt wird.

Die ersten semipermanenten Hallen
Während seiner Zeit bei Losberger war Karl-Eugen Kurrer auch an einer der größten Entwicklungen beteiligt, die das Unternehmen in seiner gesamten Geschichte durchlaufen hat: die Produktion semipermanenter Hallen. Karl-Eugen Kurrer war Teil des Teams, das mit den Arbeiten an den neuen Konstruktionen begann. „Dies war ein wichtiger Richtungswechsel für das Unternehmen, da es zu dieser Zeit kaum mobile Hallenkonstruktionen gab. Heute zählt Losberger De Boer zu den weltweit besten Entwicklern, Produzenten und Konstrukteuren von mobilen Raumlösungen. Das Unternehmen bietet heute eine Vielzahl an modernsten Hallenkonstruktionen, die wirklich beeindruckend sind. Aber zu dieser Zeit begannen die Unternehmen gerade erst mit der Entwicklung von mobilen Strukturen. Der Schlüssel zur mobilen Raumlösung war, die tragenden Teile der Konstruktion so zu fertigen, dass sie leicht montierbar bzw. demontierbar und ebenso leicht zu transportieren waren. Ich denke, dass wir in Kombination mit unseren Bogendächern eine sehr effektive und elegante Lösung gefunden haben, die die üblichen Bautechniken mit neuen Funktionen kombinierte, die auch heute noch in Hallen verwendet werden.“ Die ersten Hallen, die das Team entwarf, wurden im Tennissport eingesetzt und für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Sie markierten den Beginn einer neuen und wichtigen Epoche.

Zurück auf die Schulbank
Später kehrte Karl-Eugen Kurrer auf die ‚Schulbank‘ zurück. Er studierte Bauingenieurwesen und Physikalische Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Als Tutor am Fachgebiet Baustatik der TU Berlin war ihm daran gelegen, ein tieferes Verständnis und Freude am Erlernen der baustatischen Methoden zu schaffen. Seit 1980 veröffentlichte Kurrer zahlreiche Artikel zur Wissenschafts- und Technikgeschichte im Allgemeinen und zur Geschichte der Bautechnik im Besonderen, sowohl in Zeitschriften, Zeitungen und Büchern, als auch in diversen Ausstellungspublikationen.

Kurrer promovierte an der Technischen Universität Berlin mit ‚summa cum laude‘ zum Thema „Innere Kinematik und Kinetik von Rohrschwingmühlen“. Während seiner Zeit bei Telefunken Sendertechnik in Berlin trug er in Zusammenarbeit mit der TU Clausthal nebenberuflich zur Entwicklung einer neuen Exzenter-Schwingmühle bei, die 50% weniger Energie benötigt als herkömmliche Maschinen dieser Gattung.

Bautechnikgeschichte
Karl-Eugen Kurrer forscht seit mehr als 40 Jahren zu Themen aus der Geschichte der Bautechnik und ist einer der führenden Historiker der Bautechnik. So schrieb er mehrere Bücher zu diesem Thema. Hier seien nur seine jüngsten Veröffentlichungen über die Geschichte der Baustatik (2018) und über den Erddruck (2019, mit Achim Hettler) erwähnt.

Von 1996 bis 2018 war er Chefredakteur der Zeitschrift „Stahlbau“. Seitdem ist er Lehrbeauftragter für das Masterstudium Bauingenieurwesen an der Hochschule Coburg, wo er im Sommersemester für den Bereich Technikgeschichte zuständig ist. Dies ist ihm eine Herzensangelegenheit. „Mir ist durchaus bewusst, dass mich die Menschen bei Losberger damals als Student und als junger Ingenieur sehr unterstützt haben. Sie haben mir wirklich dabei geholfen, ein besserer Ingenieur zu werden. Jetzt ist es an der Zeit, mein Wissen an die neue Generation weiterzugeben, um jungen Ingenieuren bei ihrer Entwicklung zu helfen. Es fühlt sich für mich an, als gäbe ich etwas zurück und das ist ein wirklich gutes Gefühl.“

Karl-Eugen Kurrer denkt gelegentlich noch an seine Zeit bei Losberger zurück. Und so war er einer der Ersten, die dem Unternehmen zum hundertjährigen Jubiläum gratulierten. „Losberger hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe die Entwicklung von Losberger, heute Losberger De Boer, über die Jahrzehnte hinweg interessiert beobachtet. Ich freue mich, dass es dem Unternehmen, das meine eigene Entwicklung so positiv beeinflusst hat, so gut geht.“